Der Content in den Zeiten der Inhaltsleere

3 Minuten Lesedauer

Content bedeutet Inhalt. Content ist König. Er steht im Mittelpunkt. Ihm gehört die gesamte Aufmerksamkeit.
Spätestens seit klar wurde, dass die omnipräsente Suchmaschine mit dem Hang zum Daten sammeln Content mag, setzten sich auch ansonsten nicht sonderlich text- oder gar literaturaffine Menschen hinter ihre Laptops und schrieben. Oder ließen schreiben. Inhalte mussten her. Content musste produziert werden. Unablässig. Der Markt verlangte und verlangt es so.
In den Hintergrund gerät dabei die Frage, worüber überhaupt geschrieben wird und ob die beschriebene Sache überhaupt „beschreibenswert“ ist. Das führt zur merkwürdigen Situation, dass geschrieben wird, damit geschrieben ist. Der Anlass des Schreibens ist in Zeiten, in denen „Content“ vermeintlich „King“ ist, in sehr wenigen Fälle überhaupt noch auszumachen.
An sich sind solche Anlässe zum Schreiben leicht benannt. Der Autor ist von einer Sache begeistert. Er ist berührt. Er ist bewegt. Er möchte etwas bewegen. Das Schreiben ist in dieser Hinsicht die enge Verbindung zwischen Beschreibenswertem und den jeweiligen literarischen Mitteln und Textstrategien um das Beschreibenswerte zum Vorschein zu bringen.
Content ist Inhalt. Inhalt ist Substanz. Inhalt steht in enger Verbindung mit der Idee. Inhalte bringen Ideen zum Ausdruck.
Somit wird klar, warum im Hier und Jetzt immer mehr Content produziert wird und damit zugleich auch eine absolute Inhaltsleere erreicht wird. Die Inhalte verweisen auf keine Ideen mehr, haben keine Substanz, sondern sind Selbstzweck. Der Autor selbst ist in den seltensten Fällen berührt oder bewegt. Er möchte auch nichts bewegen. Er produziert, weil produziert werden muss. Er schreibt, weil geschrieben sein soll. Wie soll ein „Autor“ wirklich berührt und begeistert sein, wenn er einen der gefühlten 140.000 „einzigartigen“ Wellness-Bereiche beschreiben muss? Was will er damit bewegen? Bewegt ihn das?
Das alles führt zu einem Rauschen der Worte, denen jeglicher Grund und jegliche Intention fehlt. Sie existieren, könnten aber genauso gut nicht existieren. Sie haben keinen Anlass, keinen Autor, der hinter ihnen steht und der seine Gründe offen legt, warum ein Phänomen oder eine Idee unbedingt mit den adäquaten Mitteln beschrieben werden muss.
Der Anlass des Schreibens im Heute liegt in einer „Anlasslosigkeit“. Im nicht hinterfragten Dogma, dass immer mehr Inhalte mit immer weniger Inhalt produziert werden müssen.
Gibt es einen Ausweg? Möglicherweise. Fangen wir wieder an Haltungen einzunehmen. Widerstand zu leisten. Beschreibenswertes von Nichtigem zu unterscheiden. Verstärkt nach den genauen Gründen und Anlässen unseres Schreibens zu fragen. Und, falls notwendig, auch zu schweigen und nichts zu schreiben.

Hier geht es zu den vorherigen Folgen der Kolumne "Kleingeist und Größenwahn."

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

2 Comments

  1. die analyse trifft den nagel auf seinem kopf. der grad von absolut sinnloser laberei (–> keywords etc) hat die schmerzgrenze der sinnhaftigkeit überschritten.
    aber es ist halt so wie überall: ich muss es ja nicht lesen.
    den stegmayer hingegen les ich. auch wenn ich nicht immer mit ihm einer meinung bin.
    weiter so!

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