Darum wähle ich immer Blau

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Wieso ich immer Blau wähle? Weil ich mich auf Blau verlassen kann. Blau war immer für mich da und wird es auch immer sein. Niemand sonst gibt mir ein solch gutes Gefühl, ein solches Gefühl der Sicherheit. Weder grün, noch rot, noch schwarz sind dazu im Stande. Im Gegenteil. Alleine wenn ich daran denke, dass grün, rot, schwarz oder gar pink in meinem Leben eine größere Rollen spielen könnten, stellen sich meine Nackenhaare abwehrend auf. Undenkbar, unmöglich ist das.
Ich möchte hier aber gar nicht die klassischen Parolen dreschen. Die hört man ohnehin viel zu oft. Ich möchte auch gar nicht auf die Gegenseite eingehen, die uns Blauwählern ständig weiß machen will, dass wir falsch liegen. Dass Blau wählen einfach nicht richtig sei. Ich möchte auch niemanden von irgendetwas überzeugen. Das ist nicht meine Aufgabe. Wir leben in einer Welt in der die Leute frei entscheiden können, selbstständig, selbstbewusst und ohne Bedenken. Das ist das schöne an meiner Heimat, das ist Grund wieso ich hier so gerne lebe.
Ich kenne viele Blauwähler in meinem direkten Umfeld. Selbst mein Büronachbar, Deutscher, also so gar nicht wie ich, ist Blauwähler, zumindest immer dann, wenn er die Möglichkeit dazu hat. Auch seine Frau weiß das und hat kein Problem damit. Im Gegenteil, sie ermutigt und bestärkt ihn darin. Weil sie weiß, dass es zwar für sie nicht das Richtige ist, aber eben für ihren Mann. Sie selbst ist eher in der pinken Ecke daheim. Passt ja. Kein Problem. Auch solche Menschen verträgt unsere Gesellschaft. Wenn auch nicht all zu viele.
Blau ist auch nicht nur etwas für Arbeiter, nein. Immer häufiger sind es Uniprofessoren, Künstler und andere Gebildete die sich damit beschäftigen, offen Blau wählen und dazu stehen. Blau ist mittlerweile eben nicht mehr nur für den kleinen Mann und die kleine Frau, Blau ist oben angekommen, oben und damit in der Mitte unserer Gesellschaft. Früher waren es nur die Mutigen, die Extremen, jene die etwas gewagt haben oder die mit der Auswahl nicht zufrieden waren. Protestler, Revoluzzer, Querulanten. Heute ist Blau salonfähig, edel, anmutig, stolz.
Ja, ich wähle Blau. Und zwar immer wieder. Weil Blau einfach zu mir passt, weil es mir steht, weil ich der Blaue Typ bin, das können ruhig alle wissen. Schaut her und wenn ihr es nicht seht, dann sage ich es auch, ich bin Blau. Durch und durch. Von Kopf bis Fuß, blau. Sogar im Herzen trage ich es. In meinen Träumen. Blau ist allgegenwärtig, weil ich mich nicht verstecke, mich nicht dafür schäme. Und ich bin nicht der einzige, längst nicht mehr.
Selbst die Geschichte, jene Geschichte die man sich selbst immer wieder vor Augen führen sollte, da man nicht vergessen darf, lehrt mich, dass Blau großartig ist, dass Blau funktioniert, dass Blau einen tieferen Sinn hat. Der große Leonardo da Vinci wusste es schon, Blau ist nicht nur heiße Luft, sondern eine metaphysische Mischung des Sonnenlichts mit der „Schwärze der Weltfinsternis“. Und auch Goethe hat sich dazu geäußert. Für ihn gab es nur zwei reine, saubere, unbefleckte Farben. Gelb und Blau.
Ich muss mich also für nichts schämen. Ich muss mich auch nicht rechtfertigen und mich auch nicht umstimmen lassen. Ich muss mich nicht schlecht fühlen, nur weil ich Blau wähle. Unsere Welt ist eben bunt, es gibt solche und solche. Wenn einige meinen sie müssten rumlaufen wie die Flowerpower-Kinder in den Sechzigern oder die sympathischen Darstellerinnen moderner Sitcoms, dann sollen sie das, dann sollen sie das dürfen.
Es geht nicht darum, dass wir alle das Gleiche tragen, wählen oder uns für das Gleiche entscheiden. Es geht darum, dass jeder für sich selbst entscheiden darf, ohne Druck, ohne Fremdbestimmung, ohne Angst. Und, dass ein jeder sich Gedanken über seine eigene Wahl macht. Auch ich habe früher zu rot gegriffen oder zu schwarz. Doch irgendwann habe ich für mich entdeckt, dass eben Blau das Richtige ist.
Und so abgedroschen es klingt. Letztlich geht es nur darum, dass wir alle, hier in dem schönen, freien Land in dem wir so gerne leben, es friedlich tun können. Und das ist dann nicht möglich, wenn es Kleidervorschriften gibt. Das funktioniert in keiner Schule und in keinem Land. Sobald sich Menschen etwas vorschreiben lassen müssen, wird es ungemütlich. Und nehmt euch bitte zu Herzen: Nicht jeder ist ein Blauer. Nur weil es gerade Mode ist, müsst ihr nicht zu dieser Farbe greifen. Vielleicht steht euch grün ja doch viel besser und ihr wisst es nur nicht.

Hier geht es zu den vorherigen Folgen der Kolumne "Kleingeist und Größenwahn"

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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