Eine Lobrede auf den Rausch

5 Minuten Lesedauer

Das von manchen propagierte Feierabendglaserl ist strikt abzulehnen. Es ist nicht Teil der Lösung, sondern ein Teil des Problems. Schon allein einmal deshalb, weil „Glaserl“ eine unzulässige Verniedlichung ist. Trinken ist nicht niedlich. Der Rausch ist nicht niedlich. Selbst wenn die Gläser mit alkoholischem Inhalt klein sind, und das sollte man tunlichst vermeiden, handelt es sich dabei um eine im wahrsten Sinne des Wortes bierernste Angelegenheit.
Aber diese ein wenig kindische Verniedlichung ist nicht das Hauptproblem. Das niedliche „Glaserl“ geht hier nämlich eine mehr als nur unheilige Allianz ein. Es verbindet sich auf semantischer Ebene mit dem „Feierabend“. Jener Zeit also, die klar von der Arbeitszeit getrennt wird. Jener Zeitraum, in dem es gesellschaftlich akzeptiert ist, sich ein ganz klein wenig zu betrinken. Wenn es denn der Work-Life-Balance dient. Wenn man denn am nächsten Tag dann doch noch pünktlich im Büro ist. Wenn man es denn im Griff hat und es beim Trinken im besten Fall sogar noch schafft neue und wichtige Kontakte für die Arbeit zu knüpfen.
Der wahre Rausch ist aber nicht sozial und nicht darauf bedacht, sich in den kompensatorischen und zur Verfügung gestellten Freiraum namens Feierabend oder Freizeit einzupassen. Er ist seinem Wesen nach zwar nicht anti-sozial, aber a-sozial. Er interessiert sich ganz einfach nicht für die Gesellschaft um ihn herum. Er kann auch mit der Einsamkeit umgehen. Er ist Selbstzweck. Alles andere ist gesellschaftliches, ritualisiertes Trinken und hat nichts mit der Suche nach dem wahren Rausch zu tun.
Es ist nicht zufällig, dass der Rausch in enger Wortverwandtschaft mit dem Rauschen steht. Rauschen ist das Gegenteil von Struktur. Wenn die Rezeption eines Textes und eines Kunstwerkes „rauscht“, dann nimmt man nicht jedes Detail wahr. Man interessiert sich viel eher für ein ozeanisches Gefühls- und Kunsterleben. Der Rezipient, der das Rauschen akzeptiert, hält sich nicht mit Kleinigkeiten auf, verbeißt sich nicht in kleingeistig-analytische Wahrnehmung. Er möchte im jeweiligen Kunstwerk versinken, in diesem aufgehen. Die Distanz und Differenz zwischen Beobachter und Beobachtetem schwindet und hebt sich letzten Endes auf.
Das alles gleicht dem Rausch. Während man sich nüchtern in Kleinigkeiten verliert und kleine Probleme als unüberwindbare Hürde erscheinen ändert der Rausch alles. Das hat nichts, aber schon gar nichts mit dem oftmals beschriebenen Frusttrinken zu tun. Das Trinken und der damit einhergehende Rausch dienen nicht zur temporären Scheinbewältigung von Problemen, sondern mit ihnen geht ein ganz neuer Bewusstseinszustand einher.
Die Unterscheidung von „Ich“ und „Welt“ transformiert sich zunehmend. Das führt bei vielen Menschen dazu, dass Hemmungen geringer werden und menschliche Distanz neu bewertet wird. Der Berauschte kommt Menschen oft näher als er es sonst täte. Er öffnet sich mehr, will Nähe erzeugen. Grenzen und Grenzziehungen zwischen persönlichem und beruflichem Gespräch ändern sich.
Doch auch solcherart Berauschte und im Rausch agierende Menschen haben das Wesen des Rausches nur unzureichend verstanden. Aus der diagnostizierten Verminderung der Distanz und der Auflösung der Grenzen muss ein anderer Schluss gezogen werden. Nicht die Nähe zu bestimmten Menschen oder Themen ist zentral, sondern die Äquidistanz zu allem und jedem, die sich paradoxerweise auch als eine Eins-Werdung beschreiben lässt.
Wenn die Begriffe, die man sich von der Welt gemacht hat in Unordnung geraten und zu rauschen beginnen, dann ist es Zeit zu schweigen. Im Rausch muss man die unendliche Nähe und unfassbare Ferne zu Allem und Jedem genießen. Es gibt Schriftsteller, die den Rauschzustand als die Möglichkeit beschrieben haben, Gott näherzukommen. Nachdem wir im Hier und Jetzt tendenziell von der Abwesenheit Gottes ausgehen kann das nur bedeuten, dass wir im Rausch der Welt und den Menschen so nahe kommen, wie sonst nicht. Da unsere Wahrheiten im Rausch aber zu rauschen und zu flirren beginnen verstehen wir in diesem Zustand weder Menschen noch Welt. Wir verstummen, weil es nichts mehr zu sagen und nichts mehr letztgültig zu interpretieren gibt.
Der Rausch macht einsam. Und schafft zugleich das Gegenteil davon. Er verbindet uns mit der Welt und entfernt uns im gleichen Augenblick davon. Der Rausch als Zustand ist singulär und komplex. Viel komplexer, als es uns die Apologeten des „Feierabendglaserls“  weismachen wollen.

Hier geht es zu der vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

1 Comment

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code