Häää? Warum sollen Tagespläne bitte Sch***e sein?

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Es kommt nicht darauf an wie viel du erledigst oder tust. Es kommt darauf an wie oft du (dabei) anwesend bist. 


Heute Früh begegnete mir Homer Simpson. Sein Gesicht prangte auf einem Bild, das die Facebook-Timeline runterlief. Homer schlief, mit verschränkten Armen, den Kopf auf der Brust. Über ihm stand der Spruch – „Ich: Wenn ich mit der Uni fertig bin, gehe ich nach Hause, mache eine Runde Sport, räum das Zimmer auf und lese ein Buch.“ Unter Homer stand: „Ich: Wenn ich daheim bin.“ Ein Schmunzeln kommt mir auf die Lippen, eine Seltenheit um kurz vor acht Uhr Früh. Normalerweise hängt mir um diese Zeit der Schlaf noch in den Augen. Nach Schmunzeln ist mir dabei selten. Aber heute – ich kann Homer verstehen. Mir kommt der Zustand nämlich verdammt bekannt vor.
Wenn ich aufwache, nein ich korrigiere, wenn ich einschlafe, habe ich schon einen Plan für den nächsten Tag parat. Ich weiß genau wann ich ins Büro komme, wen ich treffen werde und was ich dafür vorbereiten muss. Alles ist fein säuberlich eingetaktet. Und zwar so fein säuberlich, dass meistens alles knapp wird und spätestens, wenn ich auf dem Weg in die Arbeit zwei rote Ampeln erwische, aus dem Plan das reinste Chaos wird. Mir hat mal jemand gesagt, dass ich damit nicht alleine bin. Auch die Tatsache, dass mit dem schwindenden Plan Panik Einkehr nimmt und ich dann in einen Strudel gerate, der von Schweißausbrüchen, Herzrasen und schlechtem Gewissen begleitet wird, sei keine Seltenheit. Im Gegenteil. Die einzigen, die mit bröckelnden Plänen umgehen können, seien Mütter. Die wissen, dass Tagesplanungen Wunschdenken sind. Multitaskingfähigkeiten, spontane Anpassungen und Strategiewechsel, sowie eine ausgeprägte Lösungskompetenz entwickeln sich offensichtlich erst dann, wenn der Nachwuchs den Alltag bestimmt. Also liebe Firmenchefitäten – Mütter einstellen!
Aber kommen wir zurück zum eigentlichen Thema – Tagespläne die flöten gehen. Und das tun sie mit der gleichen Gewissheit, wie ich am Abend wieder neue aufstelle. Wenn Darwin recht behält und nur jene Viecher überleben, die anpassungsfähig sind, dann sterbe ich bald aus. Komplett. Obwohl ich weiß, dass Vorsätze à la „heute nehme ich mir nach getaner Arbeit einmal Zeit für mich. Nur für mich. Da schnappe ich mir ein Buch oder höre Musik oder gehe in den Wald oder spiele eine Runde Fifa oder zeichne oder musiziere“ einfach nicht funktionieren, nehme ich mir sie immer und immer wieder vor. All das in der Hoffnung, dass es irgendwann einmal besser wird.
Stopp. Ich bin ein Mensch der auf Logik steht. Weil die so schön vorhersehbar ist und mich dadurch in Sicherheit wiegt. Also betrachten wir es einmal logisch. Täglich fasse ich einen festen Plan, der abgeschlossene Arbeiten und anschließende Belohnung durch Freizeitaktivitäten vorsieht. Nichts tun existiert in diesen Planungen nicht. Nichts tun ist etwas für Menschen, die keinen Plan haben, kein Ziel. Für Menschen, die einfach so in den Tag hineinleben, die sich aufgegeben haben! Nein. Ich habe eine Arbeit, die gehört erledigt. Danach ist Zeit für mich. Und da mache ich gefälligst etwas, schließlich wird mir das gut tun. Wie lange wollte ich wieder mal im Wald spazieren, eine Lichtung suchen und dort in Buch lesen? Eben! So macht man das. Da ist keine Zeit fürs Nichts tun. Wär ja blöd. Vollkommen vergeudete Zeit!
Dass ich zum letzten Mal vor Weihnachten im Wald war und der Krimi, den ich in den Weihnachtsferien unbedingt und ganz sicher lesen wollte, das Eselsohr noch immer auf Seite 12 hat, tut nichts zur Sache. Auch nicht die Tatsache, dass ich untertags drei Mal fast einem erdachten Herzkasperl erliege, weil mein Plan zu kippen droht und damit die Zeit für mich flöten geht. Und schon gar nicht wichtig ist, dass ich abends meist den Homer mache, anstatt eine Runde Sport. Und trotzdem versuche ich es immer und immer wieder. Täglich der gleiche Semmel. Die Zeit vergeht, die Wochen verfliegen. Richtig „anwesend“ war ich zuletzt – lass mich überlegen – im Urlaub auf Sri Lanka. Stimmt. Urlaub, das wäre etwas. Ich brauche dringend Urlaub. Jetzt hab ichs. Nur noch schnell die drei Projekte abschließen, in der Arbeit Bescheid geben und in sechs Wochen geht’s schon ab in Richtung Ferien. Endlich einmal Nichts tun und nur Zeit für mich. Das ist ein guter Plan!
Fazit: Weniger Plan – mehr fantastischer Unsinn! Das bewahrt die Menschheit (und mich) vor dem Aussterben. Ganz sicher!

Hier geht es zur vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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