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Der wahre Ursprung

3 Minuten Lesedauer

Der Glossist geht sich allmählich selber auf die Nerven. Das ist die Lage. Noch hat es niemand so schön ausgedrückt wie unser Freund, der Schreiber und Hersteller höchst exquisiter Drucksachen Martin Z. Schröder in dem Rundbrief, den er als zweiterer von Zeit zu Zeit verschickt: „So zu tun, als wäre nichts, wirkte falsch, wirkte nicht echt, lesen will man aber auch nichts mehr davon. Also weise ich eingangs wenigstens darauf hin, daß ich zwar durchaus weiß, was in der Luft liegt, aber Sie nicht mit der Darstellung einer Meinung darüber langweilen möchte, die Sie selbst pflegen oder die Sie woanders schon gesehen haben oder die Sie sogar verärgern könnte. Wir belassen es deshalb lieber bei der allgemeinen Zusicherung, allesamt über alle Maßen vernünftig zu sein und uns gegenseitig zu überlassen, was Vernunft bedeutet.“

Wie wahr, würde ich sagen, und in meinem bisherigen Glossistenleben war es auch immer so, daß die thematische Wiederholung frühestens nach einem halben Jahr oder besser Jahr erlaubt war. Andernfalls wurde man auch flugs vom Nachbarn oder Verkäuferin im Obst- und Gemüseladen gemaßregelt: „Fallt dir nix mehr ein?“

Was tut man aber im vorliegenden Fall, wenn einen etwas nicht mehr losläßt, das einen mittlerweile zutiefst langweilt, aber davon geht es auch nicht weg, sondern bleibt da und übt weiterhin einen schweren, dumpfen Druck auf einen aus und vertreibt sozusagen alles, was sonst an Themen oder lustigen, kleinen Geschichten den Alltag würzt. Was tut man, wenn die Dumm- und Dumpfheit allwöchentlich neue Gipfel erklimmt, wie es seit einem Jahr der Fall ist, seit die Polizei die Leute am Wandern zu hindern versuchte?

Jetzt sind sie ja mit dem Schifahren zugange, das schon dauernd ein Dorn im Auge ist, schon seit die Geschichte damals begann. Sie begann bekanntlich in Ischgl, und hat sich von dort über die ganze Welt ausgebreitet. Nur Mr. Trump und all die Verschwörungstheoretiker, Rechtsradikalen und der sonstige Abschaum der Menschheit glaubt immer noch, daß das Zeug aus China eingeschleppt worden ist. Dabei hat es der Ischgler Huberbauer bei sich hinten im Stall ausgebrütet, die Frage ist bloß, waren es eher die Hennen oder die Facken, und hätte man schnell genug dieses Kaff hinter den sieben Bergen abgesperrt und einen hohen Zaun drumherum gebaut, oder wenigstens dieses blöde Tirol, mit einem seinerseits wieder abgesperrten Korridor zwischen Brenner und Kufstein, damit die Lieferkette nicht abreißt, dann, ja dann wäre zwar nicht uns, aber dem Rest der Welt das ganze Theater seit März 2020 erspart geblieben. Allerdings wäre auch vielen großen Staatenlenkern wie dem bayerischen oder dem amerikanischen der Schritt ins Rampenlicht der Weltgeschichte verwehrt geblieben. Wäre doch auch schade, oder?

Walter Klier, geb. 1955 in Innsbruck, lebt in Innsbruck und Rum. Schriftsteller und Maler.
Belletristik, Essays, Literaturkritik, Übersetzungen, Sachbücher. Mitherausgeber der Zeitschrift "Gegenwart" (1989—1997, mit Stefanie Holzer). Kommentare für die Tiroler Tageszeitung 2002–2019.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a.: Grüne Zeiten. Roman (1998/Taschenbuch 2014), Leutnant Pepi zieht in den Krieg. Das Tagebuch des Josef Prochaska. Roman, 2008. Taschenbuch 2014). Der längste Sommer. Eine Erinnerung. 2013.
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