(c) Helmuth Schönauer

Alpenbäckerei

4 Minuten Lesedauer

In loser Folge stellt das Alpenfeuilleton Ereignisse, Schicksale oder Gegenstände vor, die das Zauberwort „Alpen“ genetisch in sich tragen. 

Die Alpenbäckerei löst sofort ein heftiges Gefühl von Glück aus, wenn der Name fällt. Und noch inniger wird diese Bindung zum Glück, wenn man es greifen kann, ja sogar hineinbeissen.
Wenn man unter den vielen Sackerln, die aus Papier oder Plastik täglich über einen hereinbrechen, eines findet, das mit dem Begriff Alpenbäckerei bedruckt ist, dann zeugt das auch von Intelligenz, denn ein dummer Mensch würde nicht so ein schönes Sackerl in die Hand nehmen. 

An einem schönen Vormittag also stehst du vor der Brotkiste im M-Preis, und überlegst, welches Brotsackerl du nehmen sollst. Offensichtlich gibt es drei Größen, aber da immer nur eine Größe lieferbar ist, wird dir die Wahl abgenommen, was du in einem Land voller Einheitspartei, Einheitspresse und Einheitssport ja gewohnt bist. 

Du nimmst das Sackerl also in die Hand, willst es aufblasen und zum Platzen bringen, da fällt dir ein, dass du ja etwas hineintun musst. Also gibst du was hinein, was in der Hauptsache aus aufgebackenen Teiglingen besteht. Im Hinterkopf läuft sofort ein Film ab, in dem seltsame Klumpen in Gestalt einer Ausscheidung aus einer riesigen Teigmaschine abgedreht werden. Der Film ist in Polen gedreht worden, und du bist froh, dass eine Mitkundin vor dem dem Regal etwas Tirolerisches sagt, was dich wieder auf den Boden der Heimat zurückholt. Die polnischen Teiglinge wären tatsächlich Pech und eine Verdauungsstörung gewesen, aber diese hier sind ganz anders, weil aus den Alpen.

Draußen im Freien interessiert dich plötzlich nicht mehr der aufgebackenen Ex-Teigling, den du wahrscheinlich später entsorgen musst, wenn er hart geworden ist,. Aber das Sackerl hat es dir angetan, weil es mit einem magischen Text bedruckt ist: 

„Alpenbäckerei ‒ so schmeckt Tirol. // Nehmen Sie uns beim Namen: Die Alpenbäckerei bäckt mit Zutaten aus der Alpenregion und einem Mehlsack voller Leidenschaft. Unsere Rohstoffe wachsen in Tirol und Österreich und wir haben es nicht weit in unsere Backstube. Und wenn sie in Form von feinen Back- und Konditorwaren aus dem Ofen kommen, ist auch der Weg ins MPREIS Brotregal schön kurz.
So schmeckt Tirol: Brot ohne künstliche Zusatzstoffe und Süßwaren vom Konditormeister. Kosten Sie ein pures Stück Heimat aus dem Hause Therese Mölk Natürlich in Ihrer Alpenbäckerei.“
(zitiert nach einem Alpensackerl)

Der Text ist unsterblich schön und geht ohne Widerstand unter die Haut. Er spricht genau das aus, was wir Schriftsteller uns zwar täglich vornehmen, aber nie erreichen.
Dennoch legen wir immer wieder los, um den finalen Text über uns zu finden. 

„Alpenfeuilleton ‒ so schmeckt Tirol. // Nehmen Sie uns beim Namen: Das Alpenfeuilleton schreibt mit Zutaten aus der Alpenregion und einem Mehlsack voller Leidenschaft. Unsere Geschichten wachsen in Tirol und Österreich und wir haben es nicht weit in unsere Schreibstube. Und wenn sie in Form von feinen Feuilleton- und Essaywaren aus dem Laptop kommen, ist auch der Weg ins Alpenfeuilleton schön kurz.
So schmeckt Tirol: Geschichten ohne künstliche Zusatzstoffe und Süßwaren vom Storyteller. Kosten Sie ein pures Stück Heimat aus dem Hause Literatur. Natürlich in Ihrem Alpenfeuilleton.“

STICHPUNKT 21|32, geschrieben am 4. Mai 2021

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 50 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension | Drei Bände (2020-2022)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)
* Antriebsloser Frachter vor Norwegen | Austrian Beat (2021)
* Outlet | Shortstorys zum Überleben (2021)

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