(c) Walter Klier

Schnee unten, Schnee oben, Schnee rundherum

9 Minuten Lesedauer

15.1. Donnerstag

Vorgestern war kein Schnee, oder fast keiner bis auf ein paar Brösel („Brosen“). Gestern hatte es ein bißchen geschneit, etwas zwischen 5 und 10 cm, am Abend fing es wieder an, und heute früh hatten wir einen halben Meter beisammen, aus dem im Lauf des Tages ein ziemlich guter halber Meter wurde. Gestern fuhr man, um ein paar Sachen zu besorgen, rasch in die Stadt und mittags wieder herauf, heute fährt man nirgendwohin, nicht einmal einen Meter aus dem überdachten Parkplatz (genannt „der Carport“) heraus ins Freie.

Schon vor dem Frühstück hat der Bub ein Stück Terrasse vorm Haus freigeschaufelt. Nach dem Frühstück kämpfe ich mich mit der Schneeschippe, oder wie nennt man so ein Ding? Also: Schneehexe, Schneeschieber, Schneewanne. Am nettesten klingt Schneehexe, obwohl das Gerät, das wir seit dem großen Schnee vor drei Jahren besitzen, eher eine Schneewanne sein dürfte.

Also: nach dem Frühstück kämpfe ich mich mit dem genannten hinunter zum Hühnerstall und lerne, daß man damit nicht mehr gut zurechtkommt, wenn der Schnee schon zu hoch liegt und der Untergrund nicht glatt ist, also asphaltiert. Eine etwas unregelmäßige Art Gasse bringe ich aber schon zustande, oder zuwege, oder zugasse.

Ein Tag mit Schnee unten, Schnee oben, Schnee rundherum.

Nachmittags hinunter zum Nachbarn, um die Verhältnisse dort in Augenschein zu nehmen. Es wird ein ziemliches Gestapfe, für die gut 300 m hin und retour brauche ich eine Stunde, gestern hätte ich noch ungefähr 7 Minuten gebraucht. S. und E. stehen vor ihrem Haus und sind gerade im Begriff, die benzingetriebene Schneefräse in Gang zu setzen, die sie sich letzten Winter gekauft und erst ein Mal verwendet haben. Vom wenige Meter entfernten Fahrweg trennt sie noch ein ziemlicher Berg Schnee, den der große Schneepflug ihnen im Vorbeifahren in die Einfahrt geworfen hat. Der Weg nach Süden zum Rechenhof ist durch einen kleineren Wall nochmals getrennt, also wird es wohl der Rumer Pflug gewesen sein, der zuletzt hier unterwegs war. Briefträger war bei ihnen heute auch noch keiner, Edi zeigt lachend auf den Briefkasten, der eine sehr spitze, sehr hohe weiße Haube trägt, wie die Lärchen-Zaunpfosten bei uns oben, und der auch von unten her schon fast im Schnee verschwindet.

Gestern war der Briefträger noch bei uns, ich war grade draußen vor dem Haus und nahm die Zeitung entgegen und beglückwünschte ihn zum Durchkommen bis zu uns herauf. Vor ein paar Wochen war er nach einem geringfügigen Schneefall hängengeblieben und von der Kurve nach dem Hohlweg bis zu uns herauf zu Fuß gesprintet. Da hatte aber der Vierradantrieb nicht funktioniert, weil ihm den (wie danach festgestellt wurde) ein Dachs über Nacht abgebissen hatte. So erzählte er und mußte furchtbar lachen über die Vorstellung, wie der Dachs da verbissen an irgend so einem Schläuchlein knabbert. Über dieses Treiben der Dachse hat mir Herr Wohlleben in seinem Buch über die Tiere kürzlich erzählt, warum die Dachse das tun. Sie ärgern sich nämlich über einen fremden Geruch, den das Auto mitgebracht hat und der auf das vorhandensein eines anderen Tiers schließen läßt. Also immer brav am selben Ort parken!

Heute, sagt S., habe M. (eine andere Nachbarin) ihr erzählt, sei man schon von der Haller Straße kaum nach Rum herauf gekommen, die ersten seien schon in der Gartengasse, nach der Kurve bei der Tischlerei, auf der Schneefahrbahn hängen geblieben. Auch in der Stadt drinnen herrsche das Chaos, die Fahrbahnen seien zwar geräumt, aber dadurch zugleich alle parkenden Autos zugeschüttet …

Es wird ein netter, ausführlicher Tratsch, wozu man unter normalen Umständen keine Zeit hat, erst wenn die Welt um uns herum stehen geblieben ist, und in dessen Verlauf, weil die Rede natürlich auf unsere erstmalige Überwinterung hier heroben kommt und auf das neue Haus, das dieses Überwintern sehr erleichtert, in dessen Verlauf ich also die Nachbarn auf einen Kaffee zu uns einlade, wozu es, warum auch immer, in den letzten fünf Jahren nie gekommen ist. Im vergangenen Sommer ist ja auch, erstmals seit längerer Zeit, das Plateau-Sommerfest ausgefallen, bei dem man bislang wenigstens einmal im Jahr verläßlich alle oder fast alle Nachbarn gesehen hat.

Der Plausch fühlt sich, im nachhinein betrachtet, wie eine inoffizielle Aufnahme in den Kreis der Plateau-Dauersiedler an. Es macht zwar keinen großen, aber doch einen Unterschied, ob man immer da ist oder nur im Sommer, nur am Wochenende, was auch immer. Vor allem für einen selber, aber doch auch, ein bißchen, für die anderen. Nach insgesamt eineinviertel Stunden bin ich wieder daheim, dank wasserdichter Schihose und nagelneuen Bergschuhen undurchnäßt.

Wir befinden, daß diese Art von naturbedingtem Lockdown einem besser tut als der menschengemachte.

16.1. Samstag

Immer noch tief im Schnee. Gestern kam der Schneepflug am späteren Vormittag unterhalb der Wiese dahergefahren und drehte am Eck, wo der Stichweg in Richtung Enzianhütte abzweigt unter großem Getöse um und fuhr wieder ins Tal. Warum er die letzten 30 Meter bis zu unserem Haus ausgelassen hatte, war im Moment nicht zu begreifen.

Heute strahlendes Winterwetter, die ersten Wanderer mühen sich durch den tiefen Schnee bergauf. Ich rufe Martin an, der in seiner Eigenschaft als Gerätechef der Gemeinde auch fürs Schneeräumen zuständig ist, wir scherzen ein wenig herum und er wird es jedenfalls dem Kollegen sagen, daß der nochmals bis zu uns herauf fährt.

Arbeitsvormittag auf dem Dach, die restliche Photovoltaik wird abgeschaufelt. Mittags produzieren wir schon 900 Watt, gestern waren es erst 380.

Besuch aus dem Tal (J. aus Allerheiligen) und von gegenüber (A. aus Lans). Die Besuche werden mit dem Auto zu den Sieben Wegen geführt und marschieren den Rest herauf.

17.1. So

Und schon wieder schneit es frohgemut dahin. Ein weiterer Anruf bei Martin, der nicht abhebt, also sage ich dem Anrufbeantworter, ob vielleicht der Schneepflug doch noch einmal kommen könnte. So sitzen wir da und warten. Später ruft er zurück, er hat den Tag über geschlafen und tritt gerade seine Nachtschicht an. Sie sind jetzt rund um die Uhr am Räumen, das ganze Dorf ist im Chaos und rundherum alle anderen Dörfer, von der Stadt ganz zu schweigen.

Sein Kollege war mit dem großen Traktor inzwischen nocheinmal da und hat die restlichen dreißig Meter geräumt, die hatte er ausgelassen, weil Bäume und Gebüsch vom Schnee so weit in den Weg hereingedrückt waren, daß er die Durchfahrt nicht mehr riskieren wollte. So verbringen wir den späteren Nachmittag im sehr tiefen Schnee mit dem Stutzen von Ästen und Stämmchen.

Walter Klier, geb. 1955 in Innsbruck, lebt in Innsbruck und Rum. Schriftsteller und Maler.
Belletristik, Essays, Literaturkritik, Übersetzungen, Sachbücher. Mitherausgeber der Zeitschrift "Gegenwart" (1989—1997, mit Stefanie Holzer). Kommentare für die Tiroler Tageszeitung 2002–2019.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a.: Grüne Zeiten. Roman (1998/Taschenbuch 2014), Leutnant Pepi zieht in den Krieg. Das Tagebuch des Josef Prochaska. Roman, 2008. Taschenbuch 2014). Der längste Sommer. Eine Erinnerung. 2013.
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