Muhammad erzählt II

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Als ich meiner Familie erzählte, dass ich vor hatte zu flüchten, wussten sie nicht ob sie mir raten sollten zu bleiben oder zu gehen. Trotz der ausweglosen Situation in der ich mich befand war es eine schwierige Entscheidung! Vor meiner Abreise gab ich mein erspartes Geld auf ein Bankkonto in der Türkei, damit ich dort Geld abheben nnte. Es gibt zwei Möglichkeiten von der Türkei nach Griechenland zu kommen. Ein Weg führt über das Meer, ein anderer über den Norden der Türkei direkt nach Griechenland. Ich entschied mich für die Route übers Land und ein Schlepper, der den Weg sehr gut kannte, brachte mich und ungefähr fünfzehn andere Flüchtlinge bis zur griechischen Grenze.

syrien I

In mir tun sich jede Menge Fragen auf. Ich werde neugierig. Wie beginnt eine Flucht? Wie verlässt man das eigene Haus mit dem Wissen nie wieder zurückzukehren? Wie verabschiedet man sich von Familie und Freunden? Wie und wo trifft man Schlepper? Und woher bekommt man dieses Wissen? Jedoch erinnere ich mich an Muhammads Bitte, diese Geschichte nicht als Schnulze zu verkaufen. Ich bleibe stumm und lasse ihn fortfahren.

Wir wanderten sechzehn Stunden lang ohne Pause. Am schlimmsten war es, wenn es regnete. Denn wenn wir über Felder gingen, sanken unsere Schuhe im Schlamm ein und wurden so schwer, dass wir kaum noch gehen konnten. Wir durften nie Licht machen, kein Feuer anzünden und keine Handys verwenden, nicht rauchen, nicht sprechen. Kurz vor unserem ersten Ziel warteten die Männer der Grenzpolizei auf uns. Dabei sah ich sogar einen Polizisten mit dem dänischen Wappen auf seiner Schulter. Sie hatten dem Schlepper eine Falle gestellt. Er wurde verhaftet und uns übergab die Polizei der Mafia. Die Aufgabe der Mafia war es, uns wieder auf die türkische Seite zu bringen. Das war natürlich illegal und deshalb waren diese Männer sehr gestresst und fürchteten sich. Denn hätte die türkische Polizei etwas bemerkt, hätte das kein gutes Ende genommen. So kamen wir also wieder zurück in der Türkei – nachdem wir so weit gewandert waren. Ich wusste, hier würde unsere Flucht nicht klappen. Wieder stand ich vor einer sehr schwierigen Entscheidung aber ich beschloss, es über das Meer zu versuchen. Uns allen war natürlich klar, dass es über das Meer weit gefährlicher sein würde. Auch wir hören ja von den vielen Menschen, die bei Fluchtversuchen sterben. Aber wir machten uns auf den Weg in Richtung Südtürkei und als wir in Izmir ankamen, sagte ich allen sie sollten sich Schwimmwesten zulegen.

So wie in Innsbruck ein Busfahrer zum Flughafen und ein Anderer ins O-Dorf fährt, so sind die griechischen Inseln unter türkischen Schleppern aufgeteilt. Ich hätte mir nie gedacht, einmal so etwas zu wissen – aber man muss auf alles gefasst sein! Meine Dokumente gab ich in eine wasserdichte Plastikfolie. Sollte etwas passieren, wären zumindest meine Dokumente sicher. Wir wandten uns also erneut an einen Schlepper und dieser brachte uns von der Türkei nach Griechenland. Als wir aber kurz vor der Küste waren, sagte der Schlepper er würde hier stoppen und wir müssten die nächsten fünfzehn Meter durchs Wasser schwimmen. So schwammen wir und gelangten zur Küste. Es war Dezember und bitterkalt. In den frühen, besonders kalten Morgenstunden mussten wir in der nassen Kleidung warten bis wir trockneten. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie so kalt gehabt. Jetzt kann ich in Österreich im Winter im T-Shirt draußen sein! Einer aus unserer Gruppe hatte so kalt, dass er begann zu halluzinieren. Er sprach zu seinem toten Vater. Es war einfach kälter als man sich vorstellen kann. Aber wir waren zum ersten Mal in der Europäischen Union.

Da verstehe ich, was es heißt einen Österreichischen Reisepass zu besitzen. Monate danach, als ich nach England reise und mein Pass kontrolliert wird, erinnere ich mich an Muhammads Weg in die EU. Flughäfen und Grenzen haben für mich seit dem einen neuen Beiklang.

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