Wie wir Musik wieder genießen können

7 Minuten Lesedauer

Zu behaupten, dass der Laptop das Grammophon ersetzen kann, ist doch eigentlich der reine Frotzel. Wir können nie mehr in jene wunderbare Ära zurückkehren, als Musik noch nicht zum reinen Hintergrundrauschen beim Autofahren oder Abtanzen verkommen war. Die neu entstandene Streaming-Seite Grammofy erhebt trotzdem den Anspruch, Musik zum Gesamterlebnis zu machen, auch wenn man gerade kein Grammophon zur Verfügung hat.


Das Konzept


Alleinstellungsmerkmal #1: Es wird nur klassische Musik gespielt. Anders als im üblichen Streaming kann sich der Konsument nicht jeden Wunsch erfüllen – und so besteht auch keine Gefahr, sich im Überangebot zu verlieren. Es ist schon eine Vorauswahl getroffen.

Das wunderbare Alleinstellungsmerkmal #2: In dieser Vorauswahl hat kein Algorithmus die Finger im Spiel, Google hat noch keine Vorlieben ermittelt, es werden keine automatischen Empfehlungen generiert. Grammofy basiert auf „Human Curation“. Was wie der neueste Geniestreich einer unterbeschäftigten Marketingabteilung klingt, heißt im Grunde: Es gibt Menschen hinter dieser Seite, die sich Gedanken machen, die Musik selbst leidenschaftlich lieben, die kreativ sind. Und die vor allem andere Menschen vor Augen haben und überlegen, in welcher Form klassische Musik besonders spannend, inspirativ oder heilsam sein kann.

Das macht Grammofy zu einem Vermittlungskonzept, eigentlich zu einer Bildungsplattform – aber einer innovativen, auf der man lustvoll stöbern kann.

Die Kuratoren, derzeit drei an der Zahl, die alle namentlich und mit Foto vorgestellt werden, stellen also Playlists zusammen. Und das tun sie nicht mit der üblichen Arroganz von Musikexperten, welche die Nase über jeden rümpfen, der nicht alle neun Beethoven-Symphonien in verschiedenen Aufführungen kennt. Nein, sie tun es auf eine kreative Art, die wirklich Freude macht.


Der Inhalt


Die Playlists sind jeweils mit einem Motto betitelt, und vereinen dann Musik aus allen möglichen Epochen unter diesem Thema. Die Auswahlkriterien sind keine wissenschaftlichen – es werden einfach Werke miteinander kombiniert, die einen inneren Zusammenhang aufweisen, die mit ähnlichen Bildern, Motiven oder Gefühlen spielen. Dazu gibt es immer wieder kleine Erläuterungen und Einführungen zum Anhören oder Lesen. Es wird deutlich, wie sehr Musik ein Diskurs ist, und zwar nicht nur ein akustischer, sondern auch ein kultureller – er ist definiert von Themen, die uns alle angehen und beschäftigen.

So eine Playlist (genannt „Collection“) kann zum Beispiel „Get out of Jail Free!“ heißen – das ist dann eine Kombination aus Mozart, Beethoven, Rimski-Korsakow, Sibelius und David Matthews, also Musik aus fünf Jahrhunderten, die sich irgendwie um einen Ausbruch aus dem Gefängnis dreht. Wer mag, kann während dem Zuhören ein kleines Spiel zum Thema spielen.

Denn auch die visuelle Aufmachung ist sehr aufwändig und wunderbar durchdacht. Jede „Collection“ ist mit einem passenden Gemälde, einer einfachen Animation (oft abstrakt) oder eben einem Spiel versehen.

Dieser ungezwungene Zugang ermöglicht es, die ganze Vielfalt der Musikgeschichte nachvollziehbar zu machen, ohne dass man – wie so häufig – überfordert wird. Schwer berühmte Stücke werden mit ganz unbekannten kombiniert, und das auf völlig unorthodoxe Weise. So kann sich unter dem Titel „Fearless Dreams“ Haydns feierliche Schöpfung ganz hemmungslos neben Strawinskys eigenwilligen Pétrouchka stellen, und die 113 Jahre, die dazwischen liegen, verlieren ihre Bedeutung. In „Singing through Tears“ trauert Henry Purcell um eine verstorbene Königin, Robert Schumann um eine verlorene Liebe und Anton Arenski um einen verehrten Komponisten.

Anders als ähnliche Streamingdienste richtet sich Grammofy also nicht einfach nach dem Konsumenten. Es gibt keine Playlist für jede beliebige Stimmung, keine für den Grillabend, keine fürs Fitnessprogramm. Man muss ein bisschen still werden, sich zurücknehmen und sich auf das einlassen, was schon da ist.

Tatsächlich ist Grammofy wie ein kleiner geschützter Raum im großen Web, in der es kaum um Informationen, auch nicht wirklich um Konsum geht, sondern darum, Kunst zu erleben.

Dass zwischen den Stücken lediglich kurze Einführungen abgespielt werden, und auch das nur wenn man möchte, statt endlosen Werbeschleifen, erhöht den Genuss natürlich enorm. Deshalb, und wegen der aufwändigen Kuratierung, ist die Nutzung auch nur im ersten Monat kostenlos – danach ist eine kleine Gebühr zu entrichten. Das kann man unverschämt finden (schließlich gibt es das Zeug ausnahmslos auch auf youtube), aber es wird jede Woche eine wunderbare, sorgfältig zusammengestellte neue Collection ins Netz gestellt. Müsste man die jeweils als CD erwerben, käme man auf deutlich mehr…

Außerdem fließen 70% der Einnahmen den Künstlern und ihren Labels zu – „Fair Stream“ nennt sich dieses Alleinstellungsmerkmal #3. Damit fällt auch das schlechte Gewissen beim Streamen weg, weil die betreffenden Musiker, die es heute ohnehin alles andere als leicht haben, auch auf ihre Kosten kommen.


Fazit


Grammofy ist also nicht Spotifys spießiger kleiner Bruder mit Universitätsabschluss. Nein, es kann vielmehr aufzeigen, wie Kunst, namentlich Klassik, unseren Alltag, unsere Innenwelt ganz existentiell bereichern kann. Gearbeitet wird nicht mit verstaubtem Fachwissen, sondern mit den komplexen menschlichen Emotionen, für die Musik Medium sein kann – wenn wir nicht verlernen, wie man genau hinhört.

Für kurze Zeit (so lange, wie eine Grammofy-Playlist eben dauert) bin ich mit dem Internet versöhnt und restlos überzeugt von seinem Potential.


Facts


Grammofy kann sich jeder einen Probemonat lang gratis zu Gemüte führen, dann kostet der Zugang €6,99 im Monat. Seit April wird jede Woche eine neue „Collection“ kuratiert, also eine Playlist aus 5-10 Werken, die man jeweils einzeln oder als Ganzes, mit oder ohne Einführung anhören kann. Der Genuss dauert in der Regel zwischen 30 Minuten und drei Stunden. Besonders empfehlenswert für den Einstieg sind folgendene Collections: Loss and Deliverance, Singing through Tears und Colourful New Worlds.

Titelbild: (c) https://grammofy.com/

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