Vom Musik-Nerd zum Halb-Nazi – In nur wenigen Stunden!

8 Minuten Lesedauer

Letzte Woche gab es eine Kontroverse wegen einem meiner Texte. Unter anderem deswegen weil ich es mir erdreistet habe zu etwas harten rhetorischen Mitteln zu greifen, die vor allem aber Mittel zum Zweck sein sollten. Was danach passiert war dann selbst mir ein wenig zu viel. Aber genau deshalb möchte ich sowohl die Meinung als auch die Mittel verteidigen. Und zugleich auch meine Intention erklären.
Eine Diskussion entspann sich zum Beispiel an der Tatsache, dass eine Person schwer enttäuscht von mir war, dass ich einen solchen Text verfasst hatte. Ja, dass ich überhaupt so etwas gedacht hatte. Vermutlich auch deshalb, weil ich bis zu diesem Zeitpunkt für sein Magazin geschrieben hatte von dem ich glaubte, dass es dort um Musik ging. Ein fataler Irrtum. Das Magazin und die Redakteure verstünden sich vielmehr als politische community. So meinte er zumindest.
Andere Meinungen, rhetorische Mittel, fiktionale Anteile bei einem Beitrag: Fehlanzeige. Gibt es nicht. Alles wird bierernst interpretiert, vor allem wenn es gegen eine wie auch immer geartete Linke geht. Dafür riskiert man dann auch gerne, dass die Meinungsfreiheit flöten geht. Hauptsache die eigene politische Haltung ist wieder abgesichert. Störungen, Irritationen, abweichende Meinungen, auch wenn sie ironisiert sind: Bitte eher ungern. Am besten gar nicht.

Was ich auf gar keinen Fall wollte: Eine heterogene Masse pauschal zu verurteilen. Es ging um etwas anderes.
Was ich auf gar keinen Fall wollte: Eine heterogene Masse pauschal zu verurteilen. Es ging um etwas anderes.

Es braucht dazu definitiv keine Namen. Denn diese Haltung ist leider symptomatisch. Und ja, ich weiß auch, dass Jazz von dem damaligen schwarzen „Pöbel“ erfunden wurde und meine Rezeptionsweise des Jazz elitär genannt werden kann. Ich müsste also mitdenken, bevor ich den „linksradikalen Pöbel“ ins Visier nähme, dass ich den von mir so heiß geliebten Jazz auch fallen lassen müsste. Schließlich und endlich ist die Geschichte des Jazz ja eine Geschichte voller Aufmüpfigkeit und radikalen politischen Positionen, die sich wohl zum Teil auch als links oder gar als linksradikal beschreiben ließen.
Ich habe tatsächlich lange über meinen Text nachgedacht. Auch darüber, ob er wirklich notwendig war. Und auch darüber wie er wirkt wenn dem Text vorgeworfen wird, dass er besser in das Magazin eines rechten Sängerbundes passen würde als auf das Alpenfeuilleton. Im Nachhinein muss ich sagen: Die rhetorischen Mittel waren ein wenig zu drastisch gewählt. Die Aussage dahinter ist aber auf alle Fälle richtig. Und: der Text hat auch die eine oder andere selbstironische Ebene, die offenbar geflissentlich von der überwiegenden Mehrheit übersehen wurde.
Darum möchte ich eine andere Leseweise des Textes vorschlagen, die mir eigentlich viel näher liegt. Ich möchte anmerken, dass ich als Barthes-Anhänger jemand bin, der normalerweise sehr sparsam und vorsichtig mit „scharfen“ und pauschalisierenden Begriffen umgeht. Jeder Begriff verkürzt schließlich auch dasjenige, was diese Masse auch noch sein könnte. Es vereindeutigt sie und nimmt ihr ihre inneren Heterogenität.
Ich bin mir also durchaus bewusst, dass es den „linksradikalen Pöbel“ in dieser Form gar nicht gibt. Trotzdem habe ich Probleme mit Menschen, die sich als Linksradikale bezeichnen und die zum Teil mit einer unerträglichen Selbstgefälligkeit auftreten und behaupten, dass ihre Aussagen „im Wahren“ seien, folglich also gar nicht mit sachlichen Argumenten in Frage gestellt werden dürfen. Gegen diese Verabsolutierung der eigenen Meinung geht mein Text an.
Damit es klar ist: Mit diesen "Akademikern" sympathisiere ich in keinster Weise.
Damit es klar ist: Mit diesen „Akademikern“ sympathisiere ich in keinster Weise.

Ich erlaube mir außerdem darauf hinzuweisen, dass der Text auch die eine oder andere selbstironische Passage beinhaltet. Vor allem die Passage in der der „Ich-Erzähler“ des Textes nach einem Porgy & Bess Konzert auf den Stephansplatz kommt und sich darüber freut, dass von den Demonstranten wenigstens nichts verschmutzt und kaputt gemacht worden ist.
Das ist die Position des Jazz-Spießers, der sich komplett auf die Ästhetik der musikalischen Komplexität des Jazz zurückgezogen hat. Eine Ästhetik, die seine politische Haltung mitprägt in der eben nichts mehr klar ist und politischen Handlungen verunmöglicht wurde.
Vielleicht wünscht sich der „Ich-Erzähler“ ja aber, dass der Jazz weniger akademisch wäre? Dass er nicht in versteckten Clubs für ein mehr oder weniger elitäres Publikum stattfinden würde? Vielleicht wünscht er sich, dass der Free-Jazz neben seiner strukturellen und ästhetischen Radikalität auch wieder politisch und gesellschaftlich relevanter wäre? Vielleicht wünscht er sich auch, dass Free-Jazz-Konzerte nicht überwiegend von alten „Linken“ besucht wären, sondern von neuen jungen Wilden, die anhand des heutigen Zustandes der Welt neue, radikale These entwickeln würden, die nicht an die Thesen von vorgestern erinnerten?
Ich behaupte schlicht und einfach: Der Text lässt einen solchen Subtext zu. Es ist nicht deutlich, welche Passagen ironisch sind und welche nicht. Und nichts weist darauf hin, in welchem Ausmaß sich der „Ich-Erzähler“ und die tatsächliche Person Markus Stegmayr decken. Vielleicht ist dieser Erzähler das Kipp-Moment hin zu einem Musik-Nerd-Ästhetik-Spießer, vor dem mir genauso schauert wie ich dieser zum Teil auch schon bin?
Ich hoffe damit also erklärt zu haben, warum ich weder der vielleicht liebenswerte und kauzige Musik-Nerd bin noch der Halb-Nazi, den man mir aufgrund des Textes in die Schuhe schieben wollte. Vielleicht bin ich schon ganz wo anders. Ich mag das labyrinthische Denken. Ich mag es mich selbst zu überraschen.
Ich mag die Freiheit der literarischen Formen und Kunstgriffe, die selbstverständlich auch bei einem Blog-Text ihre Funktion behalten. Ich verwehre mich gegen die platte Rezeption eines Blog-Textes als immer absolut authentisch und wahr. Sobald ich in einem Text ich schreibe, meine ich mich selbst, aber auch eine Entwurf und eine Pervertierung meiner Eigenschaften. Indem ich schreibe schreibe ich mir selbst zu, was ich bin und was ich vielleicht niemals sein möchte.
Darum war der Text notwendig. Oder zumindest möglich. Und daran sehe ich nach wie vor nicht anstößiges. Oder kann mir eine „politische community“ neuerdings schon sagen, was ich denken soll und wovor ich Angst haben darf? Ich glaube nicht.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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