Was, wenn Andreas Mölzer doch recht hat?

5 Minuten Lesedauer

Ich zweifle, also bin ich. Im Zweifel bin ich. Ganz wie es Felix formulierte. Ich hingegen zweifle nicht nur, ich erschrecke in letzter Zeit immer wieder über das, was mein „Ich“ als richtig und falsch bewertet.
Die Diskussion zum Wien-Wahlkampf, bei der auch Andreas Mölzer als „politischer Beobachter“ eingeladen wurde machte mir klar, dass ich der Diagnose von Andreas Mölzer einiges abgewinnen kann. Er meinte, sinngemäß, dass es eine Kluft gäbe zwischen veröffentlichter und medialer Meinung und der tatsächlichen Meinung der Bevölkerung. Vor allem natürlich in der Flüchtlingsthematik. In diesem Moment zweifelte ich nicht an der Richtigkeit seiner Aussage, sondern stimmte ihr zu.
Ja, das ist dieser Andreas Mölzer, der immer mal wieder von der politisch gegnerischen Seite als Halb-Nazi oder gar als Neo-Nazi bezeichnet wird. Ein übler rechter Recke sei das, politisch absolut untragbar.
Die „Linke“ hat in vielem dieser Punkte Recht, vergreift sich aber oft im Ton und schreibt Andreas Mölzer Begriffe zu, die diesem mehr nutzen als schaden. Die Rechten fühlen sich erfahrungsgemäß immer dann am wohlsten, wenn ihnen maßlose und irrational übertriebene Begriffe an den Kopf geworfen werden. Das befeuert den Diskurs, sich selbst als Märtyrer fühlen zu können. Als jemand, der die Wahrheit sagt und dafür von allen Seiten übel beschimpft wird. Kein Wunder, denn wer will schon die Wahrheit hören?
Es muss ganz klar gesagt werden: Natürlich hat Andreas Mölzer in vielen Punkten absolut Unrecht. Er ist ein übler Zeitgenosse. Es ist aber denkbar, dass seine hier skizzierte Aussage zutreffend ist. Dass er aber dennoch und gerade nach dieser Diskussion als absolut unerträglicher Halb-Nazi bezeichnet wurde zeigt nur, dass das „System“ des linken Denkens so selbstbezüglich geworden ist, dass abweichenden Meinungen nur sehr zögerlich, meist aber gar nicht wahrgenommen werden.
Für mich wirkt diese Selbstbezüglichkeit mittlerweile wie eine „Gutmenschen-Endlosschleife“, die selbstgefällig und von den tatsächlichen Umständen abgekoppelt über den virulenten Problemen unserer Zeit kreist und jegliche Bodenhaftung verloren hat. Diese Selbstbezüglichkeit und Selbstgefälligkeit wurde kürzlich bei einer Großveranstaltung am Wiener Heldenplatz auf die Spitze getrieben.
Campino durfte seine hohlen Phrasen ins Publikum grölen, während sich ein guter Teil der anwesenden Gäste in ihrer Meinung durch ebendiese Phrasen bestätigt fühlte. Wir sind auf der richtigen Seite. Wenn es sogar der Campino sagt!
Dass die „Toten Hosen“ auch noch „Schrei nach Liebe“ der Konkurrenzband „Die Ärzte“ spielten, lässt sich bestens in die dominierende Konsens-Meinung integrieren. Die Arschlöcher, das sind die Anderen. Die „Anderen“, das sind die Rassisten, die Neo-Nazis und Meinungs-Abweichler. Die Mechanismen sind einfach: Die Zuschreibung „Arschloch“ und „Neo-Nazi“ schaffen Ausschlüsse. Wer nicht mit uns ist, der ist gegen uns.
Damit hat die „Gutmenschen-Schleife“ volle Fahrt aufgenommen. Die in dieser Schleife Gefangenen erkennen nicht mehr, dass wir kein wirkliches Neo-Nazi Problem haben. Es geht noch nicht einmal um Rassismus. Wir haben ein Angst-Problem. Ein Verunsicherungs-Problem. Ein Veränderungsangst-Problem. Ein Irrationalitäts-Problem.
Diese Probleme gilt es zu lösen. Mit klarem Kopf und mit analytischem Scharfsinn. Dafür kann es möglicherweise auch eine Rolle spielen, dass auf Probleme und Schwierigkeiten bei einer mehr oder weniger gelingenden Integration hingewiesen wird. Vor allem aber müssen zukunftsfähige, vernünftige und rationale Gesellschafts-Szenarien entworfen werden.
Nein, Andres Mölzer hat nicht Recht. Aber zumindest diese eine Diagnose von ihm stimmt. Es hilft in dieser Sache wenig, wenn wir die „Angst-Diskurse“ mit Arschloch-Hymen niederbrüllen und eine heterogene Masse an verunsicherten Menschen pauschal als Braune abkanzeln, die am liebsten das Dritte Reich wieder auferstehen lassen würden. Das hilft vor allem den Rechten.
Sind das erschreckende Gedanken? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass Andreas Mölzer keine wirklichen Lösungen hat und ich mir nichts mehr wünsche, als dass solche Menschen niemals wirkliche politische Macht bekommen. Nur: die „Linke“ hat derzeit genauso wenig Lösungskompetenz und Ideen wie ein Andreas Mölzer oder ein HC Strache. Und das macht mir Angst.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code