Warum wir Kreative immer toter und müder werden

5 Minuten Lesedauer

Wir werden immer müder und toter. Vor allem auch wir Selbständigen und wir Kreativen. Insgesamt wird die Gesellschaft immer müder und toter. „Die Menschen werden toter, mit jedem Tag werden wir toter“. So drückt es die Musikerin Patricia Kopatchinskaja aus. Sie selbst hingegen stellt demonstrativ Wachheit zur Schau. Ihr Blick ist neugierig, kindlich-staunend, forschend. Wenn sie spielt, vergegenwärtigt sie die interpretierten Werke. Bei ihr klingt es so, als würden diese Werke zum ersten Mal gespielt. Als gäbe es zum Teil in dieser durchkomponierten Musik gar Freiheiten und Improvisationen.
Wachheit und Gegenwärtigkeit ließen sich somit als Gegenpol zum Tot-Sein und zum Müde-Sein setzen. Wir müssten nur genau hinschauen, genau hinhören und tief graben, wenn es um die Auslegung von Kunst und Zeitgeist-Phänomenen geht. Und schon wären wir wacher und ein Stück weniger tot. Künstler wie Björk kommen einem in den Sinn. Oder Matmos. Musiker jedenfalls, die sich mit Alltagsgeräuschen spielen und diese kreativ bearbeiten und verarbeiten. Eine breite Masse hingegen stapft mehr oder weniger blind und taub durch den Alltag und nimmt Geräusche der Stadt höchstens unterbewusst als Klangkulisse wahr.
Die Diagnose ist leicht gestellt. Wir leiden an Überforderung. An akustischer Umweltverschmutzung. Ein Daten- und Informationsüberflutung auf vielen Ebenen. Unsere Müdigkeit resultiert daraus, dass wir nicht mehr aktiv rezipieren, hören und aufnehmen können, sondern uns abzuschotten beginnen. Dabei schotten wir uns zunehmend auch gegen eigentlich relevante und substantielle Themen ab. Alles wird uns zum Einheitsbrei aus dem sich nichts mehr herausfiltern lässt. Anfänglich fühlt sich diese Abschottung wie Müdigkeit an. Später dann nach einem Zustand des Halbtot-Seins.
So geht es uns Kreativen und Selbständigen auch im Arbeitsalltag. Bewegung ist zentral für jegliches Denken. Der Umgang mit einer Vielzahl und Überzahl an Informationen und Ideen essentiell. Wer ordnen kann, wer aus dem Chaos Struktur macht, ist erfolgreich. Bewegung und Denken werden aber zunehmend dem Dogma der immerwährenden Veränderung um der Veränderung Willen geopfert. Es wird  nicht mehr mit Ideen jongliert, sondern es werden positivistisch Informationen verarbeitet, die vom Markt diktiert werden.
Wir Kreative reagieren darauf zunehmend mit Müdigkeit. Bewegen uns um uns zu bewegen. Dabei bewegt sich schon längst kaum mehr etwas. Die an sich innerliche Denkbewegung zur Ideenfindung ist der reinen Oberfläche eines Denkens in unbegründeten und grundlosen Veränderungs-Bewegungen gewichen. Wir kommen nicht mehr mit, aber bewegen uns zumindest noch mechanisch. Wir sind erschöpft, ringen uns aber doch noch die letzten Ideen ab, die sich am freien Markt verkaufen lassen könnten. Diese erschöpften „Ideen“ sind Schatten ihrer selbst. Entkernte Ideen. Ideen, die bloße Bestätigung und Affirmation des sich ständig beschleunigenden Außens sind.
Damit treibt es uns weg. Weg von uns. Weg von unserer bisherigen Originalität und Widerständigkeit. Ist der Mensch erst vor wenigen Jahrhunderten dazu erwacht zu bemerken, dass er ein Individuum und ein „Ich“ in der Masse ist, so ist dieser Zustand im Heute so gut wie nicht mehr existent. Wir können weiterhin mit einer ausgehöhlten Schein-Individualität teilnehmen und uns mit Schein-Ideen begnügen. Wir können dazu eine aufgesetzte Wachheit und ein geheucheltes Interesse vor uns her tragen. Oder wir können uns selbst dabei beobachten, wie unser Widerstand schwindet, wir immer müder werden und letztlich halb-tot und ausgelaugt nicht mehr mitkönnen.
Wir müssen aussteigen. Wir müssen weggehen. Wir sollten eine Art Tagebuch darüber schreiben über Dinge, die uns ermüden und erschöpfen. Wir müssen wieder Zugriff auf die Situationen haben und uns wieder als widerständiges „Ich“ setzen. Wir müssen uns schreibend, denkend und bewegend wieder die Kontrolle zurückholen. Wir brauchen wieder mehr Freiräume und Inseln der Nutz- und Zwecklosigkeit. Nur dann nehmen wir wieder bewusst wahr. Nur dann sind wir gegenwärtig. Nur dann bringen wir die Kraft auf wieder aktiv zu rezipieren und aktiv wahrzunehmen, anstatt halb-abgeschottet alles nur halb-wahrzunehmen und den Ereignissen ratlos und ideenlos hinterher zu hetzen.
Niemand sagt, dass es leicht werden wird. Aber so erschöpft, müde und halb-tot können wir nicht mehr weitermachen.

Hier geht es zu der vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

 

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code