Wie man Markus Stegmayr lesen muss

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Sind wir uns mal ehrlich. Es gibt Lebensaufgaben, an denen scheitert man. Ich scheitere seit Monaten daran, meinen Autoren-Kollegen Stegmayr zu verstehen. Stegmayr. Das ist jener Mann, der problemlos unter dem Pseudonym Dr. Pöbel veröffentlichen könnte. Am Alpenfeuilleton hat er das bisher ganze 291 Mal getan. Dem Großteil seiner Werke hat er dabei ein provokantes Gewand verpasst. Oder anders gesagt. Wäre Stegmayr kein Autor, sondern Herrenschneider, würde er regelmäßig vornehmen und biederen Mittsechzigern, die Burkhard heißen und gerne Wörter wie urigieren oder exquisit verwenden, in Fuck-the-System-Shirts und zerrissene Jeans stecken. Grellroter Iro und abgewetzte Springerstiefel inklusive. Dass diese Art der Darstellung regelmäßig für Irritationen sorgt, liegt am Stoff und auf der Hand.
Seit 291 Artikeln – mit zwei, drei Ausnahmen – bin ich intern größter Kritiker und nach außen größer Beschützer besagter Texte. Und trotz intensiven Auseinandersetzungen mit den Werken des Markus Stegmayr, bin ich bis heute noch zu keinem finalen Urteil gekommen. Urteilen ist nicht meine Stärke, dafür aber seine. Immerhin wohnt jedem seiner Artikel – egal ob provokant gekleidet oder nicht – ein eindeutiges Urteil inne. Diesen Urteilen kann man als Leser nun Beifall klatschen oder sie abstoßend finden, eine Reaktion erzeugen sie aber allemal. Und das ist eben eine mögliche Funktion eines Schreiberlings: Beobachten, Urteilen, Reaktionen erzeugen, Diskurse anstoßen.
Viele Diskurse, die im ureigensten Sinn ja begrüßenswert wären, münden anschließend in nicht enden wollenden, zähen Diskussionen über unterschiedliche Geschmäcker. Fast immer schwingt dabei die Frage mit: darf er das? Auch darauf gibt es leider keine eindeutige Antwort. Immerhin hängt diese stark vom Blickwinkel ab. Ein Jurist, ein Moralist und ein Autoren-Kollege würden hier wohl drei vollkommen unterschiedliche Meinungen liefern. Fakt ist, dass sich Stegmayr mit seinem oft provokanten, oftmals polemischen Ton eine Marke geschaffen hat. Er ist – zumindest im Innsbrucker Raum – ein teils gefürchteter, teils gern gesehener Eventbesucher.
Vor seinem Urteil ist jedenfalls niemand sicher. Kein Eurovision Song Contest Teilnehmer. Kein Höttinger Bäcker. Kein hipper Student. Nur den guten Geschmack und die Qualität verteidigt er. Die dafür bis aufs Blut und sogar so weit, bis es richtig weh tut – selbst seinen Autoren-Kollegen und AFEU-Mitstreitern. Denn über Geschmack und Qualität lässt sich bekanntlich streiten.
Ich habe viele Stunden damit verbracht die stegmayrschen Werke zu verstehen und versucht sie richtig zu lesen. Der Weisheit letzter Schluss ist mir dabei noch nicht gekommen. Aber vielleicht muss man den biederen und oftmals provokant gekleideten Burkhard einfach regelmäßig entkleiden, ihn abschminken, nackig machen und schauen was unter der aufmüpfigen Schale übrigbleibt. Manchmal ist das nämlich ein durchaus nachvollziehbarer und durchdachter Gedanke. Nur versteht man ihn so schlecht, wenn man sich vom jugendlichen Rumgeprolle des Herrn Burkhard allzu leicht ablenken und blenden lässt.

Hier geht es zur vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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