Großes Geld für große Fragen

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Skeptisch ist man bei Förderungen ja zumeist, wenn es um die Pharma, die Rüstungsindustrie oder Tabakkonzerne geht. Wieso? Weil denen bekanntlich nichts heilig ist. Vielleicht der Profit, wie man sehr gerne und völlig pauschal unterstellt.


Eine zu heilige Allianz


Bei Sir John Templeton haben viele das umgekehrte Problem: Dem self-made man aus der Pampa in Tennessee – gestorben ist er steinalt vor knapp 10 Jahren – war vieles so heilig, dass er einen beträchtlichen Teil seines Milliardenvermögens für die Beforschung seiner Lieblingsthemen abzwackte.
Spiritualität, die Entwicklung von Tugenden, die Entstehung des Kosmos, der freie Markt. Ein sehr amerikanisches Medley. Unnötig zu erwähnen, dass Templeton auch leidenschaftlicher Republikaner war.
Er vermischte in seiner Stiftung – für unser europäisches Empfinden – zwei Dinge, die seit der Aufklärung endlich getrennt sind und das gefälligst auch bleiben sollen: Religion und Wissenschaft. Die unheilige Allianz. Ein Widerspruch in sich.
Was das angeht können die Amerikaner umtriebig sein, wie auch immer sie wollen, aber wir mögen nicht, wenn sie sich dann in Europa einmischen. Templeton fördert aber auf dem halben Globus und auch in Mitteleuropa, im deutschsprachigen Raum vor allem theologische Forschung. Auch an der Uni Innsbruck läuft aktuell ein Templeton-Projekt mit Namen „Analytic Theology“. Im nächsten Jahr wird es eine große Konferenz über „Alternative Concepts of God“ geben.
Auch der alte Templeton war kein harter Presbyterianer, sondern grundoffen für andere Religionen – er war in der Tat der zutiefst liberalen Meinung, dass es einen Markt der Spiritualitäten mit echter Konkurrenz braucht. Dazu müssen sie beforscht werden.
Auch aus diesem Grund wird die Stiftung fast seit ihrem Bestehen immer wieder heftig kritisiert. Spiritualität ist eine Sache und Wissenschaft eine andere. Jeder reiche Sack aus den Südstaaten hat das zu akzeptieren.


Keine Forschung ohne Weltanschauung


Die Frage ist, wie sehr wir wirklich dazu in der Lage sind, unsere Metaphysik aus der Wissenschaft draußen zu halten oder sie mit Gleichgültigkeit zu behandeln. Jedes Weltbild ist ein irgendwie vollständiges oder wäre es zumindest gern. Bestimmte Fragen auszuklammern ist auch eine Entscheidung, die man trifft – aus einem bestimmten Weltbild heraus.
Klar, wir können uns darauf einigen, dass wir in der Wissenschaft allgemein zu viel reden. Über Dinge, die wir nur schwer wissen können. Und die Forschungsinteressen der Templeton Foundation sind nicht eben bescheiden. Aber das gilt auch für das CERN, Novartis und diverse Space Agencies. Der Religiöse trägt die Nase nicht unbedingt höher als der Atheist. Wir neigen nun mal gerne zur Präpotenz, was unseren beschränkten Intellekt angeht.
Aber man muss hier zwei Dinge unterscheiden, nämlich die Fragen, die wir uns so stellen und die Frage, ob es auf diese Fragen gültige Antworten gibt.
Wir können uns gerne darauf einigen, dass wir viele Fragen, etwa die nach Gott, einfach aussparen und uns gar nicht erst damit beschäftigen, weil die Antworten mit ziemlicher Sicherheit ausbleiben werden. Damit ist jedenfalls jede Art von Philosophie, unideologisch oder nicht, religiös oder nicht, endgültig aus dem Spiel. Gemeinsam mit einem beträchtlichen Teil der Geisteswissenschaften.
Das wollen wir nun auch nicht, freies Denken ist ja prinzipiell ganz gut. Auch den Quantenphysiker treibt eine unzweckmäßige, vielleicht sogar irrationale Freude an der Erkenntnis. Das aber bitte voraussetzungsfrei, ohne Gott, Strings oder sonstige Dubiositäten. Aber voraussetzungsfrei ist halt einfach nicht möglich, wie auch unser Lieblingsagnostiker Karl Popper meint. Jede Erkenntnis ist theoriegeladen. Den archimedischen Punkt gibt es einfach nicht.


Hat die Wissenschaft kein Rückgrat?


Das heißt wohl, dass wir sehr vorsichtig sein müssen, was unsere Voraussetzungen angeht. Aber wir müssen nicht zwanghaft davon ausgehen, dass Wissenschaftler weltweit ihre Seele an Sir Templeton verkauft haben.
Wie Christof Wolf, der den deutschen Ableger der Loyola Productions leitet und dazu immer wieder mit der Templeton Foundation zusammen arbeiten musste, meint: Wissenschaftler bleiben der Wissenschaft verpflichtet, egal wer sie fördert. Das muss beiden Seiten klar sein.
Zudem fördert Templeton – wie auch in Innsbruck – vor allem philosophische und theologische Forschung, die sich der analytischen Tradition verpflichtet fühlt. Und da zählt das Argument, die saubere Methodik, die Nähe zu den Naturwissenschaften.
Natürlich ist die Wissenschaft ein soziales Dickicht mit Regeln und Gepflogenheit, die nicht so nachvollziehbar sind, wie es der eigene Anspruch vorgeben würde.
Aber ich muss doch anzweifeln, dass sie so leicht korrumpierbar ist, wie oft befürchtet wird. Oder eher: Wer mit Drittemittelförderung schlechte Forschung macht, würde sie wohl auch ohne machen.


Besser Theologie als Wall Street


In einer Welt, in der die öffentliche Hand ohnehin bald nur mehr sporadische Almosen für die Geisteswissenschaften (die ohnehin schon in Sack und Asche gehen) übrig hat und ihnen nur zu gern noch die eine oder andere Ohrfeige angedeihen lässt, ist man auf andere Quellen angewiesen. Und da möchte man es schon fast für ein Naturgesetz halten, dass das Geld immer die Falschen haben – die, die sich nicht für die Welt um sich herum interessieren, die keine Leidenschaft und keinen Erkenntnisdrang haben.
Aber das zu behaupten wäre tendenziös. Es gibt immer noch und immer wieder Mäzene, Förderer und steinreiche Verehrer der Wissenschaften. Die für viele entscheidende Frage ist nun, auf welche Art John Templeton Sr. und Jr. Interesse an der Welt zeigten. Rick Santorum mochten sie. Abtreibung eher nicht. Jetzt ist zum ersten Mal eine Frau Stiftungspräsidentin, die Enkelin des alten Sir John. Ob das etwas heißt? Nicht zwingend.
Der Punkt ist: Es ist nichts verloren, wenn sich irgendwo in den USA oder in Europa Menschen auf wissenschaftlichem Niveau mit Vergebung, Nächstenliebe und dem „Markt der Religionen“ beschäftigen. Templeton hätte sein Geld auch an der Wall Street lassen können. Auf diese Weise bleiben Fragen im Diskurs offen, die sonst eher stiefmütterlich behandelt werden. Oder sogar gänzlich out sind. Worüber wir uns wirklich beschweren könnten, ist der Schmonzes, der zum Teil mit unseren eigenen Steuergeldern finanziert wird.


Jetzt mal ganz pragmatisch!


Vielleicht ist die Wissenschaft der falsche Ort, um pragmatisch zu sein. Der Wahrheitsanspruch hat ein absoluter zu sein, sogar in jenen Kreisen, die „Wahrheit“ für ein hässliches Unwort halten.
Aber vielleicht geht es auch noch um andere Dinge als die absolute Wahrheit: Darum, in was für einer Gesellschaft wir leben möchten. Darum, ob es nur mehr Anwendungsforschung geben soll oder ob es auch Raum für das Nutzlose gibt.
Und darum, ob die Geisteswissenschaften auf beiden Seiten des Atlantik noch eine nennenswerte Zukunft haben. Woher die Mittel dazu kommen, kann uns erstmal egal sein, wenn wir einen wissenschaftlichen Ethos haben, der diesen Namen verdient. Umso besser, wenn ein alter Ideologe, wie es Sir John Templeton mit Sicherheit war, in Forschung investiert, die diese großen Fragen möglichst unideologisch angeht. Und wenn sie es nicht tut, müssen wir uns überlegen, was an unseren Universitäten falsch läuft. Aber das ist ein anderes Thema. Ohne Drittmittelfinanzierung wird ein staatliches Hochschulsystem ohne Studiengebühren in jedem Fall ziemlich abmagern. Diese Suppe wollen wir uns eher nicht einbrocken.

Titelbild: pixabay

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