(c) Helmuth Schönauer

Zweimal-Duscherin

4 Minuten Lesedauer

In einem abgegriffenen Witz wird die U-Haft der E-Haft gegenübergestellt. Das eine wäre somit die Untersuchungshaft (das U seht für Unschuldsvermutung), und das andere jener Zustand, den Paare manchmal freiwillig in Gestalt der Ehe absitzen. 

Seit eine ehemalige Ministerin in U-Haft sitzt, interessiert sich plötzlich das halbe Land für deren Tagesablauf. Die KRONE nimmt den erweiterten Bildungsauftrag wahr und liefert am Mittwoch 16.3.22 einen konkreten Ablaufplan für eben diesen Mittwoch. 

„Österreichs größtes Gefängnis beherbergt neben mehr als 1000 anderen Häftlingen auch eine prominente Insassin. Die Untersuchungshaft für Meinungsforscherin Sophie Karmasin wurde verlängert, womit das „Graue Haus“ bis auf Weiteres ihre vorläufige Heimat bleibt. Einen „Promi-Status“ genießt im Häfen die ehemalige Ministerin jedenfalls nicht. 

6.00 Uhr morgens in der Wiener Josefstadt: Die Sonne kämpft sich gerade über den Horizont und hat noch gar nicht die Gitterstäbe der Fenster erreicht, da wird Sophie Karmasin bereits unsanft geweckt. Denn wann für sie und ihre Zellengenossin in der Justizanstalt Tagwache ist, darf die 55-Jährige nicht selbst entscheiden. Justizwachebeamte drehen die Lichter in ihrer Zelle auf. 

Doch wie sieht ein normaler Tag in Österreichs größtem Gefängnis aus? 

Nach der Tagwache (6 Uhr) bleibt eine Stunde Zeit, um sich frisch zu machen und die Zelle zu putzen. Das wird genau kontrolliert. Vorführbereit müsse man gekleidet sein, heißt es. Denn jederzeit könne es einen Termin bei Anwalt oder Richter geben. Bei U-Häftlingen heißt das: Alltagsgewand, verboten sind militärische und zu aufreizende Kleidung. Um 7.15 Uhr gibt es Frühstück, mittwochs Kaffee mit Brot, Butter und Marmelade. Für Karmasin herrscht dann Tristesse. Stehen keine Anhörungen an, verbringt sie 23 Stunden in der Zelle. Eine Stunde darf sie in der Betonwüste Innenhof Runden drehen, Bücher aus der Bibliothek holen. Duschen ist nur zweimal die Woche für fünf Minuten möglich. 

Kurz wird die Langeweile vom Scheppern des Speisewagens unterbrochen. Mittag- und Abendessen werden gebracht. Der Mittwoch-Menüplan: Fertigsuppe, Pasta mit Salat, am Abend ein kaltes Würstl mit Brot. Dienstag gab es nur eine Dose Jagdwurst. Um 22 Uhr gehen die Lichter aus. Stündlich kontrolliert aber ein Beamter durch ein Guckloch, ob alles in Ordnung ist. Dafür wird das Licht kurz aufgedreht, an Schlaf ist daher für viele nicht zu denken. U-Häftlinge dürfen übrigens auch nur mit richterlicher Genehmigung telefonieren.“ 

Für Literaturinteressierte wirkt dieser Artikel wie ein Stück Literatur, das ähnlich einem Krimi sich spielerisch über das Leid der Protagonisten lustig macht. 

Als der Artikel freilich in die Hände der breiten KRONE-Bevölkerung gelangt, ist deren Reaktion einhellig. 

– Die Untersuchungshaft läuft doch genau so ab wie unser Leben!- Jetzt sieht sie einmal, wie das gewöhnliche Volk lebt, während oben die Bonzen geschönte Pressekonferenzen geben.- Zweimal duschen ist eh ein Luxus! (Die meisten lesen die KRONE sehr schnell und oberflächlich, sodass sie das 2 x duschen für einen Vorgang halten, der hintereinander geschieht. Dabei steht ausdrücklich da: 2 x wöchentlich.) 

STICHPUNKT 22|25, geschrieben am 16. März 2022

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 50 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension | Drei Bände (2020-2022)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)
* Antriebsloser Frachter vor Norwegen | Austrian Beat (2021)
* Outlet | Shortstorys zum Überleben (2021)

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code