Wenn man der kapitalistischen Hydra den Kopf abschlägt…

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Im Theater. Wir kommen von draußen herein, haben ob des Regenwetters vielleicht gerade ein Busticket gekauft, im besten Fall in der Bäckerei-Bar noch ein Bier konsumiert, dann für den Eintritt immerhin nur freiwillige Spenden hingeblättert und lassen uns auf unseren Stühlen nieder. Die nächste Stunde sind von alledem befreit, im kapital- und luftleeren Raum. Die Lichter gehen aus.
Welcher Ort eignet sich besser für die ruhige, aller Hektik enthobene Eintracht als das Sofa? In „allesstill“ ist dieses Sofa sowohl Zentrum einer abgefuckten WG aus Berufsphilosophen und Anarcho-Pazifisten als auch das Zentrum des Universums, von dem aus endlich der Kapitalismus beendet wird.
Ira, Olli und Jess (es brillieren: Michèle Jost, Roman Wegmann und Christiane Zimmer) treffen sich auf selbigem Sofa, trinken Bier, streiten und lieben sich, wie wir das von uns selbst kennen, und dann kommt wie von selbst die heiß ersehnte Durchsage: „Der Kapitalismus ist zu Ende.“ Die erste merkliche Veränderung? Das Fernsehen wird schlechter.
Als Grundkonstellation ist das genau so witzig, wie es klingt. Ein wortgewaltiges, textlastiges Schauspiel, voller leichtfüßiger und doofer Witze, leidenschaftlicher Bekenntnissen und philosophischer Spielereien.
Nach „alle[s] gut“, das vor einem Jahr in der Bäckerei zu sehen war, hat die 25-jährige „Dramatikerin“ (das Wort klingt merkwürdig, wenn man sie kennt) Sarah Milena Rendel nun mit „allesstill“ das nächste sozialkritisch-trashige Stück aus eigener Feder auf die Bühne gebracht. Laut Ankündigung geht es im Stück nicht darum, was Mensch-Sein heißt, sondern was es auch heißen kann. Ein Gedankenexperiment also. Eine Utopie bislang unbekannten Ausmaßes. Ein Theaterstück, das fast ausschließlich auf dem Sofa stattfindet, abgesehen von einigen kurzen Video-Intermezzi, in denen etwa Josef Wieser als lakonischer Nachrichtensprecher auftritt.

Die umfassende Harmonie, einmal zu Ende gedacht, bitte!

Wenn die Arbeit, die Hektik, die kapitalismuskritischen Demos und der Konsum als Beschäftigungsmöglichkeiten wegfallen, bleibt nicht mehr viel übrig, worauf man seinen hyperaktiven Geist richten kann. Das Fernsehen ist plötzlich scheiße, nur ein Raum mit einem fast regungslosen Publikum, kein Umschalten auf andere Kanäle mehr. „All that I can see / is just a yellow lemon tree“. Nicht das Schlechteste. Da wird man mir in Rendels Ensemble zweifellos links geben.
Und wenn die vierte Wand einreißt, muss Ira über das Publikum aber doch allen Ernstes sagen: „Sie sind sehr hübsch. Die Handlung ist mittelmäßig, aber die Besetzung ist echt super.“ Die Hoffnung bleibt: Wenn der Kapitalismus endlich zu Ende geht, sehen wir einander wieder. Dann brechen Liebe und Solidarität ungehindert aus unseren verlorenen Seelen hervor und alle negativen Emotionen verflüchtigen sich.
Wenn die „kapitalistische Hydra den Planeten nicht mehr fest in ihrem Griff hat“, können wir uns in Ruhe dem Gartenbau widmen, dazu die letzten Erzeugnisse des Konsumismus genießen und uns uneingeschränkt einer Variante des anarcho-pazifistischen Activity mit Anti-Monopoly und Mühle hingeben.
Dieses Gedankenexperiment bringt reizvolle Erkenntnisse mit sich: Der Kapitalismus geht genau dann zu Ende, wenn wir die Entscheidung treffen, dass er zu Ende geht. Ein einzelner Aufruf, dem alle folgen, und schon gehen die Lichter aus. Wenn ihm alle folgen.

Dann endlich: Ein gutes Leben?

Naja. Wenn wir dann in popcornbestreuter Eintracht und lauwarmem Dosenbier sitzen und versuchen, uns gegenseitig endlich warme Gefühle entgegenzubringen, wird uns vielleicht klar, dass das Problem viel tiefer sitzt. Das „Menschsein verliert sich in einem Strudel von Utopie und Realität“, heißt es irgendwann. Es mag Gesellschaftssysteme geben, in denen sich Menschlichkeit eher verwirklichen lässt als in anderen, aber auch ein kurzes
„Ich will diese Bühne nicht verlassen, ohne etwas zu verändern. Ich will euch alle lieben“, meint Jess gegen Ende und drischt mit dem Vorschlaghammer auf die vierte Wand ein. So leicht kommst du nicht aus, verehrter Theaterbesucher. Du wirst dir schon noch deine eigenen Gedanken über das gute Leben machen müssen.
Das hat am Ende vielleicht gar nicht so viel mit der Frage „Kapitalismus oder kein Kapitalismus?“ zu tun. Sondern damit, ob wir noch genug Zeit und Interesse haben, an einem kühlen Herbstabend in ein liebevoll inszeniertes Theaterstück zu gehen, uns blöd anreden zu lassen, uns zu amüsieren und uns zu wundern – oder eben nicht. Am Ende kommt es genau auf diesen Unterschied an. Und auf keinen sonst.

Info

„alles still“ ist noch am 12., 13. und 14. Oktober und am 18. November, jeweils um 20:30, in der Bäckerei zu sehen. Eintritt: freiwillige Spenden, Empfehlung zwischen 8 und 15 Euro. Gerne mehr, sag‘ ich jetzt so ganz unter uns. Das Off-Theater ist eine brotlose Kunst. Mit und ohne Kapitalismus. Reservierung unter soliarts@gmx.at oder 06507701990.

Titelbild: (c) Dino Bossnini

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