Männertränen

6 Minuten Lesedauer

Leserkommentar von Matthias Tinzl


Es ist der Morgen des 14. Novembers und im Fernseher läuft die Berichterstattung von den Ereignissen in Paris. Während die Tränen auf meinen Wangen langsam trockenen lese ich die ersten Berichte in Onlinemedien. Der Tenor: man darf keine Angst haben, denn sonst gewinnen die Terroristen und man müsse jetzt mit aller Härte gegen die Drahtzieher vorgehen. In den Kommentaren sehe ich aber auch andere Reaktionen. Zum Beispiel scheinen manche zu glauben, dass man sich gar nicht wundern muss, wenn man angegriffen wird, schließlich wurden davor ja auch Luftangriffe gegen den IS geflogen. Ein anderer scheint die Lösung darin zu sehen den Islam als Religion zu verbieten bzw. alle Muslime unter Terror- Generalverdacht zu stellen. Aus offensichtlichen Gründen ist sowohl die eine als auch die andere Reaktion schwachsinnig und kurzsichtig. Wer Videos von Enthauptungen ins Internet stellt, kann sich wohl kaum beklagen, wenn er aus der Luft angegriffen wird. Mit dem anderen Kommentar möchte ich mich gar nicht länger beschäftigen und scrolle weiter nach unten. Dann spüre ich wieder, wie meine Augen langsam feucht werden. Jeder scheint ein Patentrezept für die Bewältigung der Situation zu haben, nur ich nicht. Ich sitze nur auf dem Sofa und weine.
Warum weine ich überhaupt? Es ist leider weder der erste terroristische Anschlag, der in meiner Lebenszeit passiert, noch ist einer meiner Verwandten oder Freunde direkt betroffen. Eigentlich sollte also alles „business as usual“ sein. Trotzdem wollen die Bäche aus meinen Augenwinkeln nicht versiegen. Vielleicht ist es die Wahllosigkeit, mit der auf Menschen geschossen wurde. Bei Charlie Hebdo und an 9/11 waren symbolische Ziele ausgewählt worden. Diesmal scheint die Kernaussage der Angriffe zu sein: es kann jeden treffen und das zu jeder Zeit. Allerdings ist auch das nicht neu- erst vor einer Woche wurde eine russische Passagiermaschine ebenfalls von ISIS in die Luft gesprengt und in Beirut starben zig Menschen bei Selbstmordattentaten. Ich wende mich Facebook zu, um dem Grund meiner Trauer näherzukommen. Viele scheinen schockiert zu sein, dass es Europa trifft und eben nicht irgendwo im Irak oder in Syrien passiert ist. Dieses Argument scheint mir irgendwie einleuchtend zu sein. Eine ganze Zeit lang versuche ich mir einzureden, dass ich wegen der geographischen Nähe der Attentate weine. Ich versuche zu glauben, dass ich Angst habe, dass auch mir so etwas passieren kann.

© Jean Jullien / Twitter (https://twitter.com/jean_jullien/status/665305363500011521)
© Jean Jullien / Twitter (https://twitter.com/jean_jullien/status/665305363500011521)

Nach einiger Zeit schaffe ich es aber doch meine Gefühle einzuordnen. In Europa ist es nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. London, Madrid und Paris waren schon zuvor Ziele von Anschlägen. Ich spüre keine Angst. Ich fühle mich nicht im Geringsten bedroht- zumindest nicht so, dass ich weinend auf meinem Sofa sitzen müsste. Mich schockiert die Regelmäßigkeit mit der solche Anschläge auf der gesamten Welt passieren. Terroranschläge sind keine entsetzlichen Einzelfälle mehr, sondern scheinen zum roten Faden des 21. Jahrhunderts geworden zu sein. Diese Anschläge sind nicht nur tragisch wegen der vielen unschuldigen Opfer, welche sie fordern, sondern weil sie einen Keil zwischen uns treiben und die europäischen Werte in direkter Weise angreifen. Sie trennen uns in Fragen wie Migration, Sicherheit und persönlicher Freiheit. Wie weit darf der Staat die persönlichen Freiheiten der Bürger begrenzen, um die Sicherheit aller zu gewähren? Ist es unsere Pflicht diejenigen, die vom Islamischen Staat vertrieben wurden, aufzunehmen und in unsere Gemeinschaft zu integrieren? Dass Menschen unterschiedlicher Meinung sind, ist per se nicht besonders schlimm. Bedenkt man allerdings, dass es sich hier um Fragen handelt, welchen die von der EU stets gefeierten „europäischen Werte“ zugrunde liegen, stellt sich die Situation dramatischer dar.
Wenn wir also weiterhin in einem vielfältigen Europa leben wollen, in dem jeder Mensch die Möglichkeit hat, sein Leben nach seinen Wünschen zu gestalten, in dem jeder Mensch seine Meinung vertreten darf und in dem ein friedliches Miteinander vorgelebt wird, gibt es nur eine einzige Reaktion auf die Attentate: Mehr! Wir brauchen mehr Dialog, mehr Zusammenarbeit, mehr Empathie und mehr Verstand. Nur so können wir- als Europa- die Probleme im Nahen Osten und auch in unserem eigenen Kontinent lösen. Nur so lassen sich nachhaltige Lösungen erzielen. Nur so können wir die Zukunft besser und lebenswerter machen. In diesem Sinne: „Nous sommes unis!“

Titelbild: Klicker  / pixelio.de 

2 Comments

  1. Ich hab dazu keine Meinung.
    Aber beim Satz „Ich wende mich Facebook zu, um … meiner Trauer näherzukommen“ bin auch ich zusammengezuckt.
    Jugendlicher Sarkasmus?

    • Lieber Daniel,
      zuerst einmal danke für deinen Kommentar. Vielleicht ist die Formulierung tatsächlich nicht ganz gelungen und drückt nicht exakt aus, was ich gemeint habe. Ich denke aber, dass mein Satz, wenn man ihn so liest, wie er geschrieben wurde- „Ich wende mich Facebook zu, um dem Grund meiner Trauer näherzukommen“- eine etwas andere Bedeutung hat, als wenn man ihn so liest, wie du ihn gekürzt hast. Wenn ich versuche dem Grund für etwas näherzukommen, brauche ich Informationen zu einem Thema. Informationen beziehe ich hauptsächlich über das Internet (dazu gehören auch Gedanken, Artikel, Bilder… die auf Facebook gepostet werden). Diese Informationen waren für mich in meiner Situation wichtig, um unterscheiden zu können, was an diesem Anschlag anders war, als an den vorigen, die mich zwar auch emotional mitgenommen haben, aber nicht zum Weinen gebracht haben. In keinster Weise wollte ich damit ausdrücken, dass ich Facebook benötige, damit mir andere Menschen sagen, wie ich mich zu fühlen habe. Auch war die Aussage nicht sarkastisch gemeint, denn, obwohl ich Sarkasmus durchaus zu schätzen weiß, scheint er mir nicht angebracht in diesem Kontext.

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