Zwischen Reichsbürger und Gutmensch

Thematisch und inhaltlich ist er vielfältig und vor allem eines, sattelfest.

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Seit Helmuth Schönauer seinen Text „Schlauchboot-Willi“ veröffentlicht hat, habe ich viel nachgedacht. Sehr viel. Um nicht zu sagen – ich habe mit mir gerungen.

Helmuth Schönauer, den Mann dessen Sprech gerne die Schärfe einer dunkelroten Jalapeño und die Treffsicherheit einer geölten Guillotine erreichen kann, habe ich über einen befreundeten Bibliothekar kennen und schätzen gelernt. Wenn dieser Mann ansetzt, dann kann man nicht anders, als gebannt zuzuhören. Seine Worte sind faszinierend präzise, schonungslos entlarvend und das Beste – jeden Augenblick könnte sich eine gut getimte Pointe verstecken. Genau zuhören lohnt sich!

Thematisch und inhaltlich ist er vielfältig und vor allem eines, sattelfest. Ob „der Verlag mit den runden Ecken“, „Felixismus“ oder „Fußball & Kultur“ – nichts ist vor einem echten Schönauer sicher. Ich fand das stets beeindruckend, unterhaltsam und meistens wahr. Schönauer? Eine sichere Bank. Wie ein Karl May oder ein Haruki Murakami. Die kann man in jedem Gemütszustand aus dem Regal holen. Wenn man weiß was man will, bekommt man es auch. Oder anders rum.

Vor eineinhalb Wochen offenbarte sich, aus dem Nichts, ein anderes Bild. Die sichere Bank soll ein Verleumder sein. Ein Hetzer und Rassist. Einer, gegen den man schnellstens rechtliche Schritte einleiten solle. Wegsperren! Zumindest seine Texte.

Ich gebe es offen zu. Ich war geschockt – aufgrund der Reaktionen. Und verunsichert. Hatten die Kommentatoren recht? Oder war das ein auf die Spitze getriebener, literarischer Text, der die Realität ungeschönt und bedingungslos aufzuzeigen versucht und deshalb seine Berechtigung hat? Und wenn ja. Ist so etwas erlaubt? Oder geht das zu weit?

Ich kam ins Taumeln. Mein innerer Gutmensch und mein innerer Demokrat gerieten in Streit. Was darf man? Was muss gesagt werden, um Menschen aufzurütteln und Veränderung anzustoßen? Was überschreitet eine Grenze und sollte besser nie gesagt, nie geschrieben werden?

Seit zwei Wochen ringe ich nun schon mit mir selbst. Immer auf der Suche nach dem absoluten, moralischen Kompass.

Es gibt Tage an denen bin ich ihm gefühlt sehr nahe und kurz davor ihn zu finden, nur um Augenblicke später zur Überzeugung zu gelangen, dass es ihn nicht gibt. Der absolute moralische Kompass ist ein Gedankenkonstrukt, eine Fantasie, ein Trugschluss. Er existiert nur in meiner verzweifelten Suche nach ihm. Denke ich dann.

Menschen, die mich besser kennen, wissen, dass ich seit Jahren den Traum hege einen längeren Text – manche nennen ihn „ein Buch“ – zu schreiben. An die dreißig Manuskripte sind mittlerweile auf meinem Laptop abgespeichert. Jedes endet ungefähr nach einem Drittel. Stets am selben Punkt, verlässt mich die Leidenschaft, das unbedingte Brennen für ein Thema, das man braucht, um einen langen Text fertig schreiben zu können. Ich hatte kein Thema. Ich hatte kein „mein Thema“.

Vor zwei Wochen habe ich es entdeckt. Die unendliche Suche nach dem absoluten, moralischen Kompass. Nach dem Richtig und Falsch. Nach dem perfekten Ort für die rote Linie. Irgendwo zwischen Irrationalität und Vernunft. Zwischen Reichsbürger und Gutmensch. Zwischen Literatur und wissenschaftlicher Abhandlung.

In mir herrscht Streit. Wohl noch länger. Passend zur Zeit. Literatur ist schwierig. Der Mensch auch.

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

2 Comments

  1. Die Frage ist doch, ob die Diskussion „Dürfen und Verbieten“ und erst recht das Verlangen nach einem „Verbots-Duden“ (wie es Schönauer in seiner Reaktion artikuliert hat) überhaupt zielführend sein kann.
    Als einer der Kommentatoren zu „Schlauchboot-Willi“, muss ich selbstkritisch anmerken, dass ich einige dort von mir verwendete Formulierungen definitiv nicht mehr so schreiben würde. In der Kernaussage bleibe ich aber dabei, dass es um „Verantwortung“ geht.
    Die Diskussion über „Dürfen“ und „Verbote“ stellt Machtstrukturen in den Raum, wo keine sind. Viel schlimmer noch, ist ein Diskurs auf Augenhöhe in aller Regel nicht möglich, wenn sich eine Seite in der Opferrolle sieht und sie dem Gegenüber die Täterrolle zuschreibt. Je Größer dabei das ebenfalls von einer Seite vorgegebene Thema (in diesem Fall nichts geringeres als das Recht auf freie Meinungsäußerung) desto größer auch die Totschlägerkeule, die den Diskurs bedroht.

    Geht es nicht im Kern darum, (Eigen-)Verantwortung für den Diskurs wahrzunehmen und je nach Kontext zu entscheiden, wie eine adäquate Wortwahl aussieht? Situationsbezogen und möglichst verantwortungsvoll zu entscheiden was man sagt und wie man es ausdrückt um einen lohnenden Diskurs oder Denkprozess anzustoßen.

    Genau das habe ich bei „Schlauchboot-Willi“ voll und ganz vermisst. Die Absicht ein Schlaglicht darauf zu lenken, ob der Dialog mit den bereits lange ortsansässigen Menschen gerade in Bezug auf Integrationsfragen ausreichend stattfindet, kann ich voll und ganz nachvollziehen.
    Ob die Formulierungen im Text tatsächlich dieser Sache dienen, oder ob sie nicht eher den Blick auf die zentrale These des Textes verstellen, mag jeder selbst entscheiden.

    • Doch. Ich bin da voll bei dir. Bis auf den Punkt mit der Täter- und der Opferrolle. Diese Stigmatisierung wollte ich auf keinen Fall erzielen. Zumindest war das nicht meine Intention. Obs passiert ist, kann ich nicht beurteilen.
      Meinem Text fehlen auch irgendwelche Metaebenen. Er ist tatsächlich nichts anderes, als ein offener Blick in meinem inneren Denkprozess. Und natürlich auch ein Eingeständnis, dass ich mich in dem Fall schwer damit tue die Dinge schwarz oder weiß zu sehen. Dadurch ist er vielleicht sogar ein Plädoyer dafür, das nicht zu tun. So hat ihn Harald glaube ich gelesen.
      Für mich hat er ein offenes Ende. Denn der Denkprozess ist noch nicht abgeschlossen. Das ist mir aber erst durch eure Kommentare und meine Reaktion bewusst geworden.
      Ich dachte immer ich hätte einen sehr guten moralischen Kompass. Da habe ich mich manchmal fast schon „überlegen“ gefühlt. Jetzt hat sich das geändert. Und die Suche beginnt neu. Das finde ich tatsächlich sehr spannend und habe mich deshalb dazu entschieden das auch klar zu benennen. Vielleicht geht’s ja noch jemandem so.

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